Ist Tragen gut für ein Kind?

Über die Auswirkungen des Tragens auf Gesundheit und Entwicklung

Biologen bezeichnen Menschenkinder als „Traglinge“.
Die Hüftgelenke seien so angelegt, dass sie in gespreizter Position am besten ausreifen können.

Erst im Mittelalter wurden Kinder in Schubkarren, zu Beginn des 19. Jahrhunderts dann in straßentauglichen Stubenwägen transportiert.

In der überwiegenden Mehrzahl der Kulturen aber werden Kinder noch heute von Erwachsenen oder älteren Kindern getragen.

Vieles spricht dafür, dass das Tragen auch heute noch eine entwicklungs- und gesundheitsfördernde Rolle spielt.

Das zeigt sich etwa an dem Problem der „plattgelegenen Köpfe“.
Jeder fünfte Säugling hierzulande fällt durch einen abgeplatteten Hinterkopf auf.
Autositz, Trageschale oder der Kinderwagen belasten den Kopf nun einmal immer in die gleiche Richtung. Kinderärzte raten bei platt gelegenen Hinterköpfen übrigens als wichtigste Gegenmaßnahme zu häufigen Lagerungswechseln – genau zu dem also, was sich automatisch einstellt, wenn ein Kind getragen wird anstatt geschoben zu werden.

Beim Getragen-Werden macht das Kind auch mit dem ganzen Körper aktiv mit, benutzt seinen Halteapparat, seinen Gleichgewichtssinn und überhaupt seine Sinne – es spürt seine Bezugsperson, hört ihre Sprache, nimmt ihre Gefühle wahr und kann aus einem „geschützten“ Raum heraus mit anderen Menschen in Beziehung treten.
Es ist auf ganzheitliche Art „eingebunden“.

Für Wissenschaftler lag deshalb die Vermutung nahe, dass getragene Kinder insgesamt weniger schreien.

In einem klassischen Experiment konnten die US-amerikanischen Kinderärzte Hunziker und Barr tatsächlich zeigen, dass getragene Säuglinge über den Tag´verteilt um 43% weniger weinen als die Säuglinge der „nicht tragenden“ Kontrollgruppe. Dieser Effekt zeigt sich auch in Interventionsstudien an frühgeborenen Säuglingen, die insgesamt deutlich weniger Unruhe zeigen, wenn sie regelmäßig getragen werden.

Tatsächlich lässt sich auch im Alltag zeigen, dass Nähe den intuitiven Austausch fördert und die Beziehung zwischen Eltern und Kind stärkt.

In einem aufwändigen wissenschaftlichen Experiment erhielten 25 zufällig ausgewählte, sozial benachteiligte Mütter nach der Geburt Tragesäcke. 25 andere, ebenfalls zufällig ausgewählte Mütter bekamen gepolsterte Plastik-Liegeschalen für ihre Kleinen. Das ganze erste Lebensjahr über wurden die Kleinen regelmäßig auf ihren Entwicklungsstand untersucht und der Umgang von Mutter und Kind beobachtet und ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Mütter, die ihre Säuglinge trugen, schon nach wenigen Monaten sensibler mit ihren Kindern umgingen. Nach einem Jahr wurde bei 83% der „Tragekinder“ eine sichere Bindung zur Mutter festgestellt – also eine gute emotionale Beziehung. Unter den Nicht-Getragenen wiesen nur 38% eine sichere Bindung auf.

Warum also halten wir dennoch den Transport in einem gefederten Bettchen auf Rädern für den Normalfall?
Und warum macht es uns nicht stutzig, dass die Epidemie der Rückenprobleme, die so viele Menschen hierzulande plagen, ausgrechnet in einer Generation auftritt, die brav Wägelchen geschoben hat und im Wägelchen geschoben wurde?

Vielleicht weil wir Eltern einfach Realisten sind.

Ja, Tragen kann anstrengend sein.
Wir heutigen Menschen setzen unsere Muskeln mehr zum Sitzen ein als zum Jagen und Sammeln. Dass uns beim Tragen oft bald schon der Rücken weh tut, ist wirklich keine Einbildung. Genauso real allerdings ist der Rückenwind, den wir beim Tragen nutzen können – gerade heute im modernen Leben. Zum einen: Tragen kann geübt, erlernt und, anders als etwa das Stillen, auch delegiert werden. Gerade für Väter, die den direkten Draht mit ihrem Kind ja oft nicht so leicht finden, ist das Tragen eine Chance.

Wir können auch ins Tragen hineinwachsen. Nicht indem wir gleich Marathon laufen – eher schon, indem wir zum Beispiel gleich mit den Leichtgewichten beginnen, die unsere Kinder in den ersten Monaten ja sind.

Und zum zweiten gibt es für das Tragen ja auch wunderbare technische Hilfen. Das können die neuesten ergonomisch ausgeklügelten Trage-Modelle sein, oder auch das simple und gerade deshalb unschlagbar vielfältig zu benutzende Tragetuch.
Und dazu gibt es Trage-Beraterinnen, Trageschulen, Helfer und Helferinnen, die sich gerade darin auskennen: wie man es auch als moderner, sesshafter Mensch schafft, ein Kind zu tragen – und dabei noch die Hände für den Klick auf Facebook oder den Haushalt frei behält.

Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen weist darauf hin, dass das Tragen von Säuglingen nicht nur eine medizinisch unbedenkliche Form des Kindertransports ist, sondern auch die Entwicklung des Kindes fördern und die Eltern-Kind-Kommunikation unterstützen kann.

Das muss nicht heißen, dass das Tragen jedermanns oder jederfraus Sache ist. Aber wir sollten uns auch beim Thema Tragen keine unbegründeten Ängste einjagen lassen. Dafür ist das Leben mit kleinen Kindern schon schwer genug.

Text mit freundlicher Genehmigung von Dr. Herbert Renz-Polster

 

Unter dem folgenden Link findet ihr noch einen Fachartikel von Dr. Herbert Renz-Polster.

Es geht darin um folgende Vorteile des Tragens:

  • Tragen und lagerungsbedingte Plagiocephalie (Schiefkopf)
  • Tragen und frühe Säuglingsunruhe
  • Tragen und intuitive Elternkommunikation
  • Tragen und sensomotorische Förderung

Link zum Fachartikel